Didaktische Reduktion – was steckt dahinter und wie funktioniert sie?

Didaktische Reduktion – was steckt dahinter und wie funktioniert sie?

„Entschuldige die Länge des Briefes, ich hatte keine Zeit, mich kurz zu fassen.“

Wer diesen Satz einst schrieb, darüber ist man sich nicht einig. So wird es Goethe, Schiller, Charlotte von Stein oder Mark Twain zugeordnet. Die Aussage allerdings ist treffend: Sich kurz zu fassen kann aufwändig sein.

Bitten Sie doch beispielsweise einmal eine:n Wissenschaftler:in um eine Ausführung zu ihrem/seinem Fachgebiet. Sicherlich könnte diese Person Ihnen mit Leichtigkeit ausreichend Inhalte für die Mittagspause bieten und mit Beispielen und Erfahrungen geschmückt ihre Expertise darlegen. Würden Sie sie hingegen darum bitten, kurz in drei Sätzen oder einer Minute das Wichtigste auf den Punkt zu bringen, könnte es schwer werden.

Vorsicht vor der Vollständigkeitsfalle!

Der Gedanke „viel hilft viel“ begegnet uns auch in der Entwicklung von Lernangeboten. Unsere Kund:innen (meist Verantwortliche aus Produktmanagement oder Marketing u.a.) haben ein Anliegen, das sie vermitteln möchten – und zwar möglichst umfassend. Dahinter stecken zwei nachvollziehbare Gedanken: Zum einen soll mit einem Lernangebot möglichst viel abgedeckt werden, um den Aufwand, der damit einhergeht zu minimieren. Außerdem ist es den Kund:innen wichtig, alles mitzuteilen, was sie zum diesen Thema wissen. Sie sind Expert:innen in ihrem Bereich und nehmen an, dass ein umfangreiches Vorwissen wie ihres notwendig ist, um die Inhalte zu verstehen. Martin Lehner, Autor des Buches „Didaktische Reduktion“ nennt das die „Vollständigkeitsfalle.“

Der Versuch möglichst viel in einem vorgegebenen Rahmen unterzubringen, führt dazu, dass die Lernenden überfordert sind und letztendlich weniger Stoff behalten können. Berücksichtigt man die Lernenden und geht von ihrem Ausgangspunkt aus, verschieben sich die Parameter. Wieviel können die Lernenden in ihrer vorhandenen Lernzeit und mit ihrem Vorwissen aufnehmen? Was sind die wichtigsten Aussagen, die sie unbedingt behalten sollten? Mit diesen Fragen wird nun der Lernstoff ganz anders gefiltert und schließlich aufbereitet. Ein erfolgreiches Lernangebot wird nicht an dem gemessen „was drinsteckt“, der Stofffülle, sondern an dem, was dabei „rauskommt“, was die Lernenden behalten.

Kann in kurzer Zeit nur ein kleinerer Ausschnitt der Stoffmenge vermittelt werden, ist es hilfreich die Themen in den Gesamtkontext einzuordnen. Den Lernenden wird klar, worauf sich konzentriert wird und warum. Sie erhalten den notwendigen Hintergrund, aber eben nicht in vollständiger Tiefe. Wenn es zu einem späteren Zeitpunkt eine Weiterführung geben soll, kann so auch besonders nahtlos angeknüpft werden.

In unseren digitalen Lernangeboten arbeiten wir an diesen Stellen gerne mit verschiedenen Erzähl-Ebenen. Auf der linearen Ebene werden die Inhalte vermittelt, die grundlegend sind. An diesen Themen sollte jeder vorbeikommen. Über zusätzliche Ebenen, die meist als optional angesehen werden, können sich die Lernenden weitere Informationen abholen oder auch Beispiel anzeigen lassen. Beispielsweise über zusätzliche Pop-ups, Videos oder mithilfe von Avataren, die etwas in anderen Worten beschreiben. Mit diesem Konzept begegnen wir den verschiedenen Bedarfen der Lernenden.

Der Ansatz der Didaktischen Reduktion umfasst die Aufgabe der Reduktion der Lerninhalte in einer quantitativen und einer qualitativen Dimension.

Die quantitative Reduktion erfolgt durch eine Konzentration der Lerninhalte (Abstraktion). Die wesentlichen Informationen werden herausgefiltert und aus einer großen Stofffülle wird eine Auswahl der Lerninhalte getroffen. Dabei werden das gesetzte Lernziel und die Bedarfe der Zielgruppe berücksichtigt.

Die qualitative Reduktion ist eine Vereinfachung der Inhalte unter Berücksichtigung der Lernvoraussetzungen, ein komplexes Thema wird vereinfacht dargestellt, indem es auf seine grundlegenden Konzepte, Ideen oder Muster reduziert wird. Sie zielt auf eine möglichst anschauliche Darbietung einzelner Sachverhalte (Konkretisierung). Eine anschauliche Präsentation verankert die Information nachhaltig. Auch aus diesem Grund arbeiten bei unseren Lernangeboten Bild und Text Hand in Hand.

Ein Patentrezept für sinnvolle Reduktion gibt es nicht. Der Ausgangspunkt sind in jedem Fall die Zielgruppe und das Lernziel, also der „Zustand“, den die Lernenden erreichen sollen. Nachdem wir mit unseren Kund:innen diese beiden Parameter analysiert haben, können wir die Inhalte aufbauen. Manchmal bedeutet didaktische Reduktion verstärkt auf ein wesentliches Detail einzugehen, damit dieses genau verstanden wird und den Kontext drum herum lediglich zu skizzieren. Andermal bedeutet es, viele Informationen vereinfacht aufzubereiten, sodass die Lernenden einen oberflächlichen, aber umfassenden Überblick erhalten.

„Wir ertrinken in Informationen – aber dürsten nach Wissen.“

Das Zitat des Autors und Zukunftsforschers John Naisbitt veranschaulicht, warum wir viel Wert auf die Einordnung des Wissens legen. Informationen lassen sich schnell abrufen. Für das Lernerlebnis und das Anwenden des Wissens im Alltag ist es wichtig, einen Zusammenhang zu kennen. So kann Wissensvermittlung zur Selbstermächtigung der Lernenden werden.

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